Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster

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Face to Face. Künstlerselbstporträts

Philip Akkerman (NL), Marijn Akkermans (NL), Anton Henning (D), Karen Kilimnik (USA), Elke Krystufek (A/ NL), Jonathan Meese (D), Esther Rutenfranz (D), Christoph Schellberg (D), Anja Schrey (D), So-Yeun Lee (Korea/ D), Heike Weber (D), Christoph Worringer (D)

11. Februar - 9. April 2006

 


Face to Face: von Angesicht zu Angesicht. Dürfen wirklich nur Kinder, Verliebte und Duellanten so starren, sich gleichzeitig enthüllen und verbergen? Der direkte Blick des Malers aus dem Bild hat Tradition: Rembrandt, Van Gogh, Max Beckmann, Picasso - seit es Porträtkunst gibt, haben Künstler ihr Selbstporträt in Verbindung mit ihren künstlerischen Attitüden gebracht und Marketing in eigener Sache betrieben. Als sichtbares Markenzeichen war das Selbstporträt aber stets nur so stark wie seine kritische Selbstbefragung: Wer bin ich? Was ist gut, was ist schlecht? Was ist öffentlich, was privat? Aber: Kann ein Selbstporträt auch scheitern?

Der Besucher kann diese Frage nur selbst beantworten. Doch zunächst muss er den Blicken der Künstler standhalten. Drei Selbstporträts kommen frisch aus dem Atelier: So-Yeun Lee, Christoph Schellberg und Heike Weber liefern für die Ausstellung in Münster jeweils neue Selbstporträts, für Heike Weber ist es das erste direkte Selbstbildnis überhaupt. Die jüngste Künstlerin, So-Yeun Lee, gehört zu den SpeicherII-Künstlern: ihr Selbstporträt hatte den kürzesten Weg. Das Selbstporträt von Karen Kilimnik nahm den längsten Weg. „Me getting ready to go out to a rock concert with Bernadette in Moscow, von 1977“ gehört zu den „Me-Bilder“ der Künstlerin und ist das einzige in Europa befindliche Selbstporträt. Fünf der 30 Selbstporträts konnten aus Sammlungen aus Münster und Umgebung ausgeliehen werden.


Christoph Schellberg (* 1973 in Düsseldorf, lebt in Köln, arbeitet in Düsseldorf)

Christoph Schellberg liefert für die Ausstellung in Münster ein neues Selbstporträt. Das klassische Porträt ist sein Metier. Ausgehend von der Fotografie verhüllt der in Köln lebende Maler seine Modelle durch kontrastreiche Licht- und Schattenspiele. Die Porträts der später ins Medium der Malerei übertragenden Künstlerkollegen und Freunde (Jeff Koons, Thomas Schütte, Luc Tuymans, Alex Katz, Francesco Clemente) erhalten dadurch eine hyperrealistische Leuchtkraft, die in Intimität wie die Reserviertheit umschlagen kann. Der Blick des Künstlers in seinem eigenen neuen Selbstporträt ist konzentriert, eine Gesichtshälfte verschwindet im Dunkel. Der Gestus nimmt einen deutlichen Rekurs auf die kunsthistorische Tradition des 19. Jahrhunderts. Von Angesicht zu Angesicht erzwingt Schellberg die Aufmerksamkeit des Betrachters.


So-Yeun Lee (*1971 in An Song, Süd Korea, lebt in Münster)

So-Yeun Lee malt – seit sie in Deutschland lebt - ausschließlich Selbstporträts und folgt darin den Vorgaben des klassischen Porträts. Kleider und Accessoires sind wichtige Bestandteile ihrer Bilder. Das Selbstbildnis bietet ihr dabei vielfältige Möglichkeiten für weibliche Rollenspiele: Mal zeigt sie sich im Negligé, mit wasserstoffblonder Perücke und Babypuppe, mal im Schulmädchenlook mit Minirock und geringelten Strümpfen, dann wieder weiblich im Pelzmantel oder im Blümchenkleid mit einer überdimensionierten Sonnenbrille. Doch die Fröhlichkeit und Leichtigkeit, mit der sie den kulturellen Rollenerwartungen begegnet, steht in einem subtilen Gegensatz zum unbeteiligten Gesichtsausdruck. Scheinbar abgeklärt tritt sie den eigenen Phantasien und denen des Betrachters gegenüber.


Karen Kilimnik (*1962 in Philadelphia, lebt in Philadelphia)

Karen Kilimniks Bild „Me getting ready to go out to a rock concert with Bernadette in Moscow, von 1977“ ist eines der Gemälde, die als „Me-Bilder“ der Künstlerin bezeichnet werden. Mit einem sehr offenen, gelegentlich lapidar wirkenden Malstil stellt Kilimnik das Leben wie Episoden aus einer Hochglanzgesellschaft dar. Dabei vermischt sie Versatzstücke aus der Geschichte - Schlösser aus dem 18. Jahrhundert, idyllische Landschaften und berüchtigte Persönlichkeiten aus der Geschichte - mit Bildnissen von Supermodells, TV-Serienstars aus den 90er Jahren. In dem gezeigten Selbstporträt castet sich Kilimnik selbst – für einen Auftritt in dieser hoch gekünstelten Welt des Glitzers und Glamours. Dieses Selbstporträt jedoch ist eine Täuschung, genau wie die Welten, die Kilimnik in ihrer Malerei beschwört. Ein Doppelgänger nimmt stellvertretend den Platz für Kilimniks eigenes Antlitz ein. Es ist, als ob sie neben der Scheinwelt des gekünstelten Lebensstils eine Parallelwelt konstruiert. Eine Welt, die den Glanz in ein ganz neues Licht stellt.


Philipp Akkerman (*1957 in Vaassin, lebt in Den Haag)

Der niederländische Maler Philipp Akkerman ist wohl die prominenteste Position. Der in Den Haag lebende Künstler benutzt eine fast fanatische Serialität, um das eigene äußerliche Erscheinungsbild im Sinne eines Tagebucheintrags zu analysieren. "Für Akkerman stellt der Akt des Abbildens seiner eigenen Physiognomie und - was impliziert ist - die Tatsache der Existenz eines Objektes, das die eigenen Gesichtszüge trägt, wichtige Bestätigungen für das eigene Dasein dar. Der bei aller alltäglichen Routine doch kreative Prozess enthält sowohl den Aspekt der Herstellung einer mimetischen Bildstruktur, ermöglicht durch die geschickte Handhabung der Farbe mit den eigenen Händen, als auch den des konzentrierten Vergleichs zwischen dem eigenen Gesicht und dem Spiegelbild." (Aus: Susanne Düchting, Konzeptuelle Selbstbildnisse, Essen, 2000)
Akkermans Arbeiten bestehen ausschließlich aus Selbstporträts. Sein eigenes Gesicht hat er bereits in den verschiedensten Stilrichtungen gemalt - bereits über 2.300 Mal in Öl auf Leinwand.


Heike Weber (*1962 in Siegen, lebt in Köln)

Heike Weber ist die einzige Künstlerin, die nicht auf Leinwand arbeitet. Ihre Arbeit in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster ist ihr erstes Selbstporträt. Die filigranen Linienwerke sind ortsbezogen und entfalten sich in Abhängigkeit von raumbestimmenden Koordinaten, wie Wandnischen, Treppenstufen oder Raumecken. Die minimierten zeichnerischen Miniaturen entwickeln dabei eine ungeahnte Wucht und Verdrängungsmasse, die weder der Malerei noch der Skulptur zuzuordnen sind. Trotz der Einfachheit der Geste und der Strenge der Versuchsanordnung sind die formalen Reduktionen Ausgangspunkt für eine sinnliche Uneindeutigkeit, in welche die Künstlerin den Betrachter verwickelt.


Jonathan Meese (*1971 in Tokio, lebt in Berlin und Hamburg)

Jonathan Meese bevorzugt eine sehr expressive direkte Pinselführung, um seinem eigenen Antlitz eine fast pathologische Durchdringung zu geben. Aus einem chaotisch wirkenden, explosiven Stil arbeitet Meese an der Aufarbeitung einer neuen deutschen Mythologie. Getrieben von der Bedeutung eines Kultstatus’ schlüpft er selbst in seine Selbstporträts und inszeniert Rollen, die sich zwischen Präsentation, Exhibitionismus und radikalem Rückzug bewegen. So verkörpert er verschiedene Kultfiguren von berüchtigten Persönlichkeiten aus der neueren Geschichte bis hin zu Popidolen der Gegenwart.


Anton Henning (*1964 in Berlin, lebt in Berlin und Manker)

Die Bilder von Anton Henning scheinen untereinander ironische Dialoge zu führen: Interieurs, Porträts, Stillleben, Landschaften, Historien und Aktdarstellungen tauschen formale und inhaltliche Grenzen aus und sorgen für eine Auflösungen der Gattungen. Mit dem Selbstporträt lotet Henning die gesicherten Ausgangspunkte der Malerei im Spannungsfeld zwischen Trivialkultur und Kunstgeschichte aus. Das Porträt auf dem Tisch in einem Salon der gestylten Übermoderne: Kunst zwischen Design und Retrodesign? Henning spielt mit den Klischees von Schönheit, Luxus, Genuss und Geschmack. Das Selbstporträt löst sich in kraftvollen Farbwirbel auf und nimmt in seinen Wirbel alles mit, was nicht sicher ist: zum Schluss verschlingt es die gesamte wohlgeordnete „Anton-Henning-Welt“.


Anja Schrey (*1967 in Viersen, lebt in Düsseldorf)

Anja Schrey beschäftigt sich mit einem hyperrealistischen Darstellungsmodus. Sie arbeitet ausschließlich mit Buntstift auf Papier. Mit ihren überlebensgroßen Selbstporträts, ausgeführt mit einer akribischen, fast peinlichen Genauigkeit, manövriert sich die Künstlerin in eine Situation von fast peinlicher Selbstentblößung. Wird man wirklich in der Öffentlichkeit so „genau“ wahrgenommen? Kann man im Selbstporträt Annäherungen an die Wirklichkeit finden? Oder weisen die Selbstporträts Fragen nach der Wahrheit zurück und bilden gerade durch die scheinbar naturalistischen Enthüllungen den besten Schutz für die reale Intimsphäre?


Elke Krystufek (*1970 in Wien, arbeitet in Wien)

Elke Krystufek stellt ebenfalls ihren eigenen Körper zur Schau. Stets selbst erkennbar positioniert sich die Künstlerin in den unterschiedlichsten Rollen, die sich zwischen Selbst- und Fremdinszenierung bewegen. Ihre Porträts sind aufreißerisch, expressiv und bunt. Den Zwang zum Rollenspiel und die Verdrängung des eigenen Ichs spielt die in Wien lebende Künstlerin in einer gnadenlosen Vordergründigkeit durch. Die gewollte Überheblichkeit ihrer Selbstdarstellungen reflektiert aggressive gesellschaftliche Zustände, die vor allem Frauen (aber auch Männer) am eigenen Leib erfahren.


Esther Rutenfranz (*1967 in Steinfurt Borghorst, lebt in Münster und München)

In einem Stil, der die abstrahierende Bissigkeit einer Karikatur nachahmt, porträtiert sich Esther Rutenfranz häufig als Kleinkind. Doch die Idylle trügt: Die „kleine“ Rutenfranz schneidet vieldeutige Grimassen. Trauer oder hämisches Lachen liegen oft untrennbar beieinander. Die Idylle des Familienlebens und das Glück der Kindheit werden von Esther Rutenfranz kritisch hinterfragt. In der Ausstellung „Face to Face“ zeigt die in Münster und München lebende Künstlerin ihre kleinformatigen Porträts. Der Malgrund kann auch eine dicht gemusterte, aufdringlich bieder wirkende Tapete sein. Das Tapetenmuster entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Rutenfranz-Ornament und wird zu einem Symbol für das Klaustrophobische einer Kleinfamilienidylle.


Marijn Akkermans (*1975 in Nijmegen, lebt in Amsterdam)

Auch Marijn Akkermans porträtiert sich im Kontext eines autobiografisch aufgeladenen Szenarios. Mit dem Anschein einer surrealistischen Traumwelt befindet sich der Künstler häufig verkörpert als ausgelieferter Junge, umgehen von Charakteren, die sein seelisches Leben beeinflussen oder geprägt haben. Feinste mit Bleistift gezogene Linien wechseln mit opak in Wasserfarben gemalten grau bis schwarz schattierten Flächen. Gelegentlich werden Partien aus der Bildfläche ausgeschnitten. Akkermans führt diese Collagetechnik zu einer subtilen Bravour. Stille, hoch eindringliche Erzählungen sind das Ergebnis.


Christoph Worringer (*1976 in Krefeld, lebt in Münster)

Auch die großformatigen Leinwände von Christoph Worringer mit ihren komplexen Szenarien sind Selbstporträts. Bei näherer Betrachtung wird erkennbar, dass die verschiedenen Positionen lediglich Variationen ein und derselben Person sind, nämlich der des Künstlers. Mit einer coolen Distanziertheit, mit der Akribie einer ikonografischen Studie, analysiert Worringer gleichzeitig die Rolle des Künstlers in der zeitgenössischen Gesellschaft wie die des Individuums in einem sozialen Kontext. Die blind wirkenden Augenhöhlen von Worringers Selbstporträts unterstreichen das Unpersönliche und somit den universalen Anspruch seiner Kunst.


Grundlegend für die Auswahl der Künstler war die Darstellung einer großen Spannbreite von stilistischen und formellen Positionen - von einem fast fotorealistischen Naturalismus bis hin zu einer Abstraktion, die die Erkennbarkeit der dargestellten Person fast völlig vernichtet. Gerade in der Verbindung mit der traditionellen Bildgattung „Porträt“, ausgeführt mit dem traditionellen Medien Malerei und Zeichnung, steht die Beschäftigung mit dem „Ich“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der handwerklichen Auseinandersetzung, dem eigenen Stil und den konkreten medialen Bedingungen. Der Künstler arbeitet dieses Ringen um die eigene Identität in anschaulichen bildnerischen Aussagen ab – dem Selbstporträt als Kunstwerk. Nicht nur die Frage nach der eigenen Identität, auch die Rechtfertigung und Ausdruckskraft dieser klassischen künstlerischen Gattung steht zur Diskussion. Der Künstler ist Modell und Maler/Zeichner zugleich. Das Ringen um die Hervorbringung eines Selbstbildnisses wird in doppelter Hinsicht für den Künstler ein Ringen um die eigene Existenz. Denn was er tut und was er ist, strebt im Selbstporträt nach einer existenziellen Einheit.


Was ist Spiel? Was ist ernst? Was ist Schein? Was ist Wirklichkeit? Und in diesem Zusammenhang: Was kann die zeitgenössische Malerei? Alle Künstler der Ausstellung „Face to Face“ beschäftigen sich auf ihre Weise mit der menschlichen Physiognomie und ihren wieder erkennbaren Merkmalen. In unterschiedlichen Spielarten geht es dennoch darum, ein individuelles „Gesicht“ zu zeigen. Im Zeitalter medialer Reproduzierbarkeit ist das Abbild des eigenen Gesichtes häufig von Anonymität und dem Verlust seiner Aussagekraft geprägt. Das öffentliche Gesicht gilt in vielen Fällen lediglich als Identifikationsmerkmal, wird zum Passbild reduziert. Jegliche Spur eines seelischen Innenlebens, einer subjektiven emotionalen Identität wird dem Zweck öffentlicher und eindeutiger Erkennbarkeit geopfert. Das konventionelle Porträt mag manchem Künstler daher als belastet und künstlerisch unbrauchbar gelten. Deshalb verzichten viele zeitgenössische Künstler auf die Darstellung ihres eigenen „Gesichtes“ und benutzten Artefacte als Stellvertreter für das Ich. Etwa wenn Tracy Emins Gegenstände aus dem persönlichen Gebrauch benutzt, um ein „Porträt“ ihres persönlichen Lebenszustandes und der Situation ihrer seelischen Beschaffenheit zu „zeichnen“. Dennoch bleibt die Frage nach dem „Wer bin ich?“ treibende Kraft. Mit der Ausstellung „Face to Face“ wird die Frage nach der persönlichen Identität zugespitzt und auf ihre traditionellen Wurzeln zurückgeführt.


Die Ausstellung „Face to Face. Künstlerselbstporträts“ sucht den Blickkontakt mit dem Besucher. Die Blicke des Künstlers aus dem Bild und die Suche des Betrachters in dem Bild sind der Ausgangspunkt eines vieldeutigen Dialogs. Die Künstler suchen Mitstreiter in der Erkenntnisschleife von Selbstreflexion, ambivalenter Identität und komplexer Alltagswirklichkeit. Die Frage nach der Identität bleibt eine offene Versuchsanordnung. Im Spiegel von Selbstzerstörung und Selbstkonstruktion gewähren die gezeigten Porträts scheinbar intime Einblicke in das Künstlerleben. Doch verlangt die in Aussicht gestellte Intimität nicht nach einer kritischen Revision des Verhältnisses von Privatem und Öffentlichem? Wie authentisch ist das Rollenspiel der Künstler? Und: Welche Rolle spielt der Betrachter in dieser Rezeptionskette?